Seit der politischen Umgestaltung der ZAMG in die GeoSphere Austria werden für jeweils drei Jahre Leistungsverträge zwischen GSA und Bundesministerium definiert. Im aktuellen Vertrag 2024-2026 (hier online einsehbar) findet sich unter Punkt 2.1.1.2 folgener Abschnitt:

Es soll also ein grundlegendes Konzept für das meteorologische Messnetz „der Zukunft“ erstellt werden. Die Details sind eher mager definiert und lassen viel Spielraum. Bevor sich der Autor nun auf wilde Erneuerungs-Ideen stürzt, sollte zuerst der Ist-Zustand im TAWES Netz eruiert werden. Zudem ist es von Relevanz, wie dieser zu Stande kam und welche Probleme das aktuelle Messnetz tatsächlich plagen.

Die Vorgeschichte

Die grundlegende Idee für das TAWES Netz entstammt den späten 1970er Jahren. Damals wurde erstmals über den Einsatz teilautomatischer Stationen inkl. Datenübertragung nachgedacht, um in naher Zukunft die klassischen Klimastationen (damals „analog“ geführtes Messnetz) zu ersetzen. Am 1. Juli 1992 ging das TAWES Netz schließlich offiziell mit 27 Stationen in Betrieb, die alle über eine laufende Datenübertragung verfügten. Im Jahr 2000 waren es bereits 130 Stationen. In den frühen 2000er Jahren wurde schlussendlich der Beschluss gefällt, die alte Technikplattform zu ersetzen und zeitgleich die Anzahl der Stationen deutlich zu erhöhen. (auf ca. 230) Seither fand neben der grundsätzlichen Erhaltung ein schleichendes Wachstum auf ca. 300 Stationen statt.

Messnetzkarte 1997 – ersichtlich sind neben teilautomatischen Stationen auch die bestehende Basis aus altmodischen Klimastationen

Der Ist-Zustand

Zurück im Jahr 2025 geht es also um ca. 300 Wetterstationen, die auf einer 20 Jahre alten Technikplattform basieren. Dazu kommt ein Messnetz, das auf einer Idee aus den späten 1970er Jahren beruht.

Nun folgt ein kurzer Fokuswechsel auf den obigen Ausschnitt zum Thema Leistungsvertrag. Schlagwörter wie „Erneuerungskonzept Technik“ oder die Aufzählung moderne Trendwörter wie Stadtklima, Klimawandel und Energie hören sich auf Basis der vorgehenden Analyse schlüssig an. Der beschriebene Ist-Zustand suggeriert ein notwendiges Update. Das Messnetz ist ja offensichtlich in die Jahre gekommen. Deal done!

Leider ist die Thematik dann doch nicht so einfach. Der Teufel liegt nämlich im Detail…

Probleme aus der Vergangenheit

Wachstum und Politik

Mit den Wachstumsschüben in den 1990er und späten 2000er Jahren, erbte das heutige TAWES Netz einige Probleme aus der Vergangenheit. Vor allem der zweite Schub von 2004 bis ca. 2010 führte zu später ungeahnten Schwierigkeiten. Innerhalb kürzester Zeit mussten damals Standorte aus dem Boden gestampft werden, um die neuen Stationen rasch verbauen zu können. Eine schwierige Aufgabe, da gerade der Standort für jede Wetterstation entscheidend ist. Diese Aufgabe wurde zur damaligen Zeit nicht ernst genug genommen bzw. waren die Ressourcen nicht ausreichend und viele gegründete Standorte sind in der damaligen Form bereits wieder Geschichte oder stehen auf einer Abschussliste, da diese wenig zum Messnetz beitragen oder nur Probleme verursachen. Der entscheidende Punkt ist, dass beide nummerischen Erweiterungen ohne ein detailliertes meteorologisches Konzept über die Bühne gingen. Die flächenmäßige Abdeckung und Verdichtung stand offensichtlich im Vordergrund. Das meist konzeptlose Wachstum setzte sich in den Jahren darauf fort und erreichte im Jahr 2024 mit 300 Stationen einen bedenklichen Peak. Dieses Verhalten führt neben fragwürdigen Stationen auch unweigerlich zu einem sehr hohen Erhaltungsaufwand. Während die anfallenden Kosten aktuell noch getragen werden können, ist der personelle Aufwand mittlerweile zu hoch und kann auch nicht mehr gänzlich gedeckt werden.

Zusätzlich hielten über die Jahre wohl auch politische Agenden immer mehr Einzug ins Messnetz. Heutige Diskussionen über neue Stationen gleichen mehr einer politischen Darbietung, als einer wissenschaftlichen Fragestellung. Die meteorologische Sinnhaftigkeit einer neuen Station ist meist zweitrangig. Es geht eher um den finanziellen Aspekt, die mediale Präsenz oder den politischen Einfluss in einer Region. Bis heute gibt es intern auch kein qualifiziertes Gremium oder keine erklärte Führungsperson, die grundlegende Entscheidungen im Messnetz trifft. Es gibt auch keine definierten Vorgaben für die Standortsuche oder präzise Anforderungen an Stationsstandorte. Ein passendes Konzept fehlt. Es gleicht gesamtheitlich eher einer undefinierten Grauzone, die (wenn überhaupt) am staatlichen Dienstweg entschieden wird.

Die Standorte

Wir zuvor angeführt sind die einzelnen Stationsstandorte eines der Hautprobleme im TAWES Messnetz. Der jeweilige Standort entscheidet vorrangig über die schlussendliche Messqualität oder Repräsentativität einer Station. Wird vorerst nur die reine Qualität der einzelnen Standorte nach gängigen WMO Richtlinien beurteilt, zeigen sich mehrere Untergruppen. Historisch gewachsene Plätze sind meist unzureichend, müssen aber aufgrund des klimatologischen Werts so verbleiben. Ein Paradebeispiel dafür wäre die TAWES im Obstgarten des Stifts Zwettl.
Zusätzlich existieren aber auch div. alte Messreihen, die am aktuellen Standort nur bedingt brauchbar sind. Der weitere Umgang mit solchen Stationen ist unklar. Betroffen sind zB. die Station Weitra, Litschau oder das kürzlich angepasste Seibersdorf.
Eine weitere Gruppe an Standorten sind wegen Veränderungen in der Messumgebung (meist Verbauung) im Laufe der Zeit unbrauchbar geworden oder müssen kurzfristigen Bauvorhaben weichen und werden schleichend versetzt. Pro Jahr werden so etwa vier bis fünf Stationen „verbessert“. Der damit einhergehende Bruch in den Messreihen ist teilweise katastrophal und macht jahrzehntelange Messungen nur mehr bedingt brauchbar(zB. Radstadt). In diese Gruppe fallen auch Standorte, die von Beginn an wenig bis gar keinen Mehrwert boten… diese Problematik ist hauptsächlich auf die schubartigen Erweiterungen in vergangenen Zeiten zurückzuführen. Im Bezug auf die Standortqualität sind im aktuellen Messnetz leider die wenigsten Plätze passend gewählt.

Regionale Standortkonzepte

Neben der reinen Qualität der Messumgebung ist auch ein grundlegendes Standortkonzept sehr wichtig. Sollen die erfassten Werte eher mit einem impact-orientierten* Schwerpunkt im dichter bewohnten Gebiet erfasst werden oder geht es rein um die klimatische Abbildung einer Region? Werden sowohl Tal- als auch Hügelstandorte im Messnetz abgebildet? Sind die jeweils relevanten meteorologischen Schwerpunkte einer Region richtig erfasst? (Staulagen, Minima/Maxima, Föhn, Druckwellen, Stadtklima usw.)
Auf ein Messnetz erweitert, benötigt das Land eine sinnvolle Unterteilung in Modellregionen, für die individuelle Regionalkonzepte erstellt werden. Es müssen sowohl die relevanten Eigenheiten der Region, als auch das gesamte Klima (zB. Tal/Hügel, Stadt/Land) richtig abgebildet werden. Die Standorte müssen sich zwingend gegenseitig ergänzen, um eine Region möglichst genau abzubilden. Somit werden verschiedene Gegenden auch untereinander vergleichbar. Dieser Grundgedanke ist der Schlüssel um Messnetze zukünftig besser zu gestalten und die Vorhersage nachhaltig zu verbessern.

*in den letzten Jahren findet ein schleichender Wechsel von der generalisierten Wettervorhersage, hin zur impact-orientierten Vorhersage statt. Anstatt vor hohen Regenmengen zu warnen, wird vor den (vor Ort zu erwartenden) Auswirkungen durch die Regenmengen gewarnt. Gleiches gilt beispielsweise für die Temperaturverteilung. In Wien hätten Temperaturen unter -20°C andere Auswirkungen, als -20°C im Waldviertel. Zudem rücken dichter bewohnte Regionen mehr in den Mittelpunkt.
Dieser Wechsel wirkt sich indirekt auch auf das Messnetz aus, da sich die jeweiligen Auswirkungen regional unterscheiden und lokale meteorologische Feinheiten somit an Relevanz gewinnen.

Die aktuelle Technik

Ein entscheidende Rolle nimmt natürlich auch die technische Plattform ein. Wie ist der technische Zustand der Stationen? Muss die Grundlage erneuert werden oder kann die Plattform mit modernen Sensorlösungen erweitert werden?
Was zuvor bei Messnetzkonzept und Standorten umfänglich versäumt wurde, wurde hier deutlich besser gehandhabt. Die technischen Probleme der 1. TAWES Generation wurden mit der 2. Gen ab 2004 zum großen Teil ausgemerzt. Außerdem wurde die TAWES Technik seither stetig verbessert und weiterentwickelt. Moderne Datenübertragungen oder klein-modulare Lösungen wurden in die Plattform integriert. Natürlich sind im Detail Verbesserungen aufgrund des laufend technischen Fortschritts möglich. Zusammenfassend ist aber zu sagen, dass die Technik in naher Zukunft keinesfalls einen limitierenden Faktor darstellen wird und ein umfangreiches Update der 2. TAWES Gen derzeit nicht notwendig ist.

Mut zu Neuem

Neben regionalen Umstrukturierungen und Standortverbesserungen braucht es jedoch